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Höhlentauchen im Klinkerbrunnen

by Dipl. Ing. Thomas Behrend 9.00

Vorsichtig hangeln wir uns den feuchten und verlehmten Hang hinab. Vor uns erstreckt sich ein tunnelartiger Eingang, der schräg hinab in die Höhle führt. Unsere Hände versuchen am brüchigen Gipsgestein Halt zu finden. Als wir den Grund erreichen, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen: vor uns liegt ein Wasserbecken von über 20 m Länge und 10 m Breite.

Das Wasser darin ist glasklar! Kaum zu beschreiben, welche Gedanken mir als Filmer und passioniertem Höhlentaucher durch den Kopf gehen. Der schmale Kegel der Scheinwerfer gibt immer nur Bruchstücke der über dem Höhlensee liegenden Decke frei; strahlend Weiß und in phantastischen Laugungsformen leuchtet sie zu uns hinab. Die Stille des Raumes wird nur von dem dumpfen Klingen der in das Wasser niederfallenden Sickertropfen unterbrochen - wir sind im Klinkerbrunnen !

Der Klinkerbrunnen gehört zu den sog. Laugungshöhlen, wie sie, neben zahlreichen Übertagekarstformen, besonders eindrucksvoll im berühmten Gipskarstgebiet von Düna, südwestlich von Osterode im Harz vorkommen. Dieses Gebiet stellt das einzige geschlossene, noch unbeeinflusste Gipskarstgebiet Europas dar! Gips ist am Harzrand das verkarstungsfähigste Gestein, wenn man von den bereits ausgelaugten Zechsteinsalzen absieht. Bei langer Kontaktdauer können 2 Gramm Gips in einem Liter Wasser gelöst werden. Das ist zehnmal mehr als beim Kalkstein !

Die strahlendweißen Gipswände des Klinkerbrunnens sind für jeden Höhlentaucher eine willkommene Abwechslung  zu den Sand- und Lehmtönen der Kalksteinhöhlen. Als wir dann noch in einem alten Höhlenführer einen Plan des Klinkerbrunnens finden, sind wir uns einig: Dies ist unser nächstes Projekt. Besonders die vielen Fragezeichen im Höhlenplan haben es uns angetan. Doch zunächst müssen wir uns mit dem bekannten Teil der Höhle vertraut machen. Äußerst penibel, wie jeder Höhlentauchgang, wird auch dieser Tauchgang geplant. Ausreichend Luft- und Lichtreserven, zwei getrennte Atemsysteme und eine Führungsleine sind ein muss. Aufgeregt tauchen wir ab. Bei 4 m Wassertiefe erreichen wir den mit Verbruch übersäten Grund des Sees. Kaum zu glauben, ich schätze die Sichtweite auf gut 20 m, ideale Film- und Fotobedingungen! Ein kurzer Blick zurück warnt uns jedoch; eine undurchsichtige Sedimentwand hat sich bereits aufgebaut. Trotz ausgefeilter Schwimmtechnik ist dies nicht zu vermeiden, denn das Gipssediment ist so fein, dass schon kleinste Wasserbewegungen ausreichen, um dieses aufzuwirbeln. Und im Klinkerbrunnen gibt es keine Strömung die das Sediment wegtragen könnte! Wie geplant tauchen wir auf die östliche Wand zu, um den See zu umrunden. Hier lehnt unter Wasser ein großer Baumstamm an der Wand - ein lohnendes Motiv. Besonders begeistert sind wir von den Gesteinsformen, mal steht eine überdimensionale Sense aus der Wand hervor, mal ist es ein großes Loch, das sich in das Gestein gefressen hat.

Plötzlich erscheint vor meinen Augen ein Schacht in der Wand der nach oben verläuft. Mit wenigen Handzeichen signalisiere ich meinem Partner Richard, dass ich hineintauchen werde. Er selbst wartet am Eingang des Schachtes. Kaum eingetaucht sehe ich über mir die Wasseroberfläche! Doch meine Freude währt nicht lange; die Luftglocke ist zwar groß genug, um zu zweit auftauchen zu können, aber eine Fortsetzung ist nicht zu sehen. Enttäuscht tauche ich ab. Die Sichtweite beträgt nur noch wenige Zentimeter !

Von irgendwoher dringt ein fahles Licht zu mir - Richard. Ich taste mich zu ihm und ergreife
sein Bein, ein kurzer, kräftiger  Ruck, das Zeichen zum losschwimmen. Nur langsam kommen wir voran, denn nun muß Richard auch noch die Sicherungsleine aufspulen! Fünf Meter weiter wird die Sicht wieder besser. Ich signalisiere Abbruch, wir schwimmen zurück. Viele Tauchgänge und ein ganzes Jahr später kennen wir den Klinkerbrunnen wie unsere Westentasche. Wir wissen inzwischen, dass der Klinkerbrunnen eher zur Kategorie Grotte gezählt werden muss, denn nur im südöstlichen Teil gibt es eine betauchbare Fortsetzung, aber die ist so eng, dass sie nur mit abgenommenem Gerät betaucht werden kann. Auf dem Rückweg ist die Sicht dann absolut und unvermeidbar Null.

Eine der entscheidendsten Entdeckungen machten wir erst in jüngster Zeit: Etwa 14 m südwestlich des Hauptschachtes gibt es einen zweiten Eingang in das System, ein Loch, gerade so groß, dass ein Mensch passieren kann. Eine Verbindung zum Klinkerbrunnen gibt es nicht mehr, ein Versturz hat den Gang blockiert. In entgegengesetzter Richtung jedoch setzt sich der Gang fort! Eine erste Befahrung ergibt, dass sich der Gang sehr flach und eng ca.15 m weit verfolgen lässt, dann gebietet eine unpassierbare Engstelle Einhalt. Bei einer zweiten Befahrung beseitigen wir in einer mehrstündigen Aktion den Versturz in der Engstelle und können diese tatsächlich unter großen Anstrengungen passieren. Nach weiteren 10 m Kriechstrecke stehen wir unvermittelt in einer großen Halle; über 7 m hoch und 10 m lang. Erschöpft aber glücklich sinken wir zu Boden und betrachten die Halle im Scheinwerferlicht. Der Atem kondensiert in der Luft und ich glaube mein Herz schlagen zu hören. Richard erholt sich als erstes und beginnt mit der weiteren Erforschung. Plötzlich zerreißt ein Jubelschrei die Stille, ich haste sofort zu ihm. Vor seinen Füßen liegt ein zweites Wasserbecken! Spontan taufen wir das Becken "Hoffnung ". Das Wasserbecken hat nur einen Durchmesser von einem Meter aber die UW-Scheinwerfer können den Grund nicht erfassen.

Bei einer weiteren Befahrung wollen wir in diesem Wasserbecken tauchen, doch unsere "Hoffnung" wird zunächst zum Martyrium. Für die 25 m vom Höhleneingang durch die Engstelle benötigen wir mit Tauchgerät eine gute Stunde. Erst in der großen Halle können wir die Trockentauchanzüge anlegen. Den ersten Vorstoß wird Richard allein vornehmen, denn für zwei Taucher ist natürlich kein Platz.

Wie jedes mal wenn man eine Engstelle zu überwinden hat, stellt sich die Frage, ob man mit dem Kopf oder den Flossen voran geht. Geht man mit den Flossen voran, so kann man jederzeit vorwärts wieder zurückzugehen falls es keine Möglichkeit zum Drehen gibt, andererseits haben die Flossen leider keine Augen zum sehen. Richard entscheidet sich für die zweite, die gefährliche Variante; er geht mit dem Kopf voran! Eine äußerst riskante Entscheidung, und tatsächlich endet sie beinahe in einem Desaster. Gerade verschwinden seine Fußsohlen unter der Wasseroberfläche, als ein gewaltiger Blasenschwall aufsteigt. Augenblicklich beginnt sich Richards Körper zu winden hastig arbeitet er sich rückwärts heraus. Ich ergreife seine Beine und zerre ihn aus dem Wasser. Noch heute denke ich mit Schrecken an diese Situation zurück. Beim Abtauchen über Kopf hatte der Lungenautomat plötzlich Wasser gezogen! Natürlich haben wir unsere Tauchgänge fortgesetzt. Nur soviel möchte ich verraten: hier geht es weiter!

Der Klinkerbrunnen ist sicher eines der letzten Tauchabenteuer in unserer Heimat und eine kleine Sensation für den norddeutschen Taucher. In seinen abgelegenen Fortsetzungen wird der Klinkerbrunnen entschlossene Aktivisten noch lange in Atem halten. Der große Höhlensee sollte gefahrlos betauchbar sein, solange jeder Taucher die Grundregeln des Höhlentauchens beherzigt. Kaum eine betauchbare Höhle in Deutschland ist heute nicht verschlossen oder für Taucher tabu, zu viele Unfälle hat es gegeben. Nur eine konsequente, realistische Selbsteinschätzung und die Einhaltung der bekannten Sicherheitsregeln für das Höhlentauchen können den Klinkerbrunnen vor dem gleichen Schicksal retten.

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